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Forum Ostdeutschland der Sozialdemokratie e.V.


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Gesprächskreis ''Kultur und Politik''

Seit 1990 unterliegen die kulturtragenden Institutionen Ostdeutschlands umfassenden Strukturveränderungen, die nicht selten von Personalabbau, Fusionen oder Schließungen begleitet werden. Die Finanzierungsprobleme von Ländern und Kommunen bestimmten auch 2002 den anstehenden Wandlungsprozess der kulturellen Infrastruktur Ostdeutschlands. Nachdem die erste Kulturwerkstatt des Gesprächskreises "Kultur und Politik" im November 2000 die Umbruchsituation der ostdeutschen Theater in den Mittelpunkt der Debatte stellte, beschäftigte sich die zweite Werkstatt mit der gegenwärtigen Lage von Orchestern und Chören in den neuen Bundesländern. Zum Gespräch kamen zahlreiche Interessenvertreter aus den Institutionen, den Gewerkschaften und den Medien. Nach der Begrüßung durch Wolfgang Thierse, Vorsitzender des Gesprächskreises und des Kulturforums der Sozialdemokratie, führten die Kulturmanagerin Dr. Cornelia Dümcke und Dr. Gerald Mertens, Geschäftsführer Deutsche Orchestervereinigung e.V. in den Abend ein. Im Anschluss debattierten mit Ihnen Rolf Bolwin (Direktor Deutscher Bühnenverein), Timm Carnarius (pro-Orchester Wittenberg e.V.), Annette Hildebrandt (Thüringisch Akademischer Singkreis), Dr. Ulrike Liedtke (Leiterin Musikakademie Rheinsberg, Vorsitzende des Kulturforums der Sozialdemokratie Brandenburg), Dietrich Peters (ver.di), Stefan Meuschel (Geschäftsführer Vereinigung deutscher Opernchöre und Bühnentänzer), Dr. Michael Oehme (Musikredakteur MDR Kultur), Bettina Pesch (Intendantin der Rundfunk-Orchester und -Chöre GmbH Berlin), Detlef Schneider (Vizepräsident des Chorverbandes Sachsen), Dr. Michael Schlicht (Vizepräsident Deutscher Sängerbund e.V.) und Dr. Claus Strulick (Deutsche Orchestervereinigunhg e.V.). Die musikalische Umrahmung übernahmen Mitglieder des pro-Orchester Wittenberg e.V.

Aus der Rede Wolfgang Thierses:

"Vielfach bin ich in den letzten Jahren auf die schwierige Situation der Chöre und Orchester in den neuen Bundesländern angesprochen worden. Ich freue mich deshalb, dass Sie unserer Einladung gefolgt sind, die anstehenden Probleme miteinander zu besprechen. Ich weiß, dass unter Ihnen viele betroffene Künstler und Engagierte sind. Vielleicht können wir den heutigen Abend nutzen, um den so dringend benötigten Lösungen ein Stück näher zu kommen. Mich interessiert dabei natürlich besonders, wie Sie mit den konkreten Situationen in Ihrer Institution umgehen, und was Sie meinen, was wir als politisch Handelnde besser, was anders machen sollten.

Nach der ersten Kulturwerkstatt zur Situtation der Theater in Ostdeutschland hieß es in einem Presseartikel, die SPD führe einen "Monolog Ost", der an der allgemeinen Problemlage der Kultur vorbei gehe. Die Kultur sei in der Krise, hieß es, die "E-Musik" und das klassische Worttheater ohnehin, und wir sollten doch erkennen, dass wir zumindest in der Kulturfrage schon längst ein zusammengewachsenes Volk seien, denn die Sparzwänge im Osten stünden dem Westen in nichts nach.

Nun ist die allgemeine Finanznot bei Bund, Ländern und Kommunen ebenso wenig wegzureden wie die Tatsache, dass Theater und Orchester Geld kosten - oft mehr, als einem lieb ist (...) Auch eine abnehmende Akzeptanz der klassischen Künste gerade bei jüngeren Generationen ist nicht zu bezweifeln - man muss bedauern, in diesen Fragen nicht ohne weiteres widersprechen zu können. Unad doch ist es nicht ganz so, wie uns die Gleichheitszeichen in diesem Falle suggerieren wollen. Als die DDR zu den "neuen Bundesländern" und damit zum "Osten" wurde, verfügte sie über weit mehr kulturelle Institutionen als die Bundesrepublik. Den bereits "spargeschädigten" Kulturmachern aus dem Westen musste die Tatsache, dass nicht nur die großen Städte, sondern auch kleine Orte über ein eigenes Theater mit dazu gehörigem Ensemble, ein Kulturhaus, manchmal sogar ein eigenes kleines Orchester besaßen, wie ein Schlaraffenland vorkommen. Das war die DDR bestimmt nicht, aber selbst wenn sie es in diesem Sinne gewesen sein sollte - das änderte sich schnell, denn diese Fülle an Institutionen konnte sich niemand leisten. Die "kulturelle Bestandssicherung", im Kapitel 35 des Einigungsvertrages festgeschrieben, kann daran leider nicht genug ändern. Allein innerhalb der letzten zwei Jahre wurde die Brandenburgische Philharmonie Potsdam abgewickelt, die Landeskapelle Altenburg mit dem Philhormonischen Orchester Gera fusioniert und damit Stellen gekürzt. Das Orchester des Mitteldeutschen Landestheaters Wittenberg soll mit Wirkung vom 1. August 2002 vollständig dichtgemacht werden, in Thüringen wurden umfangreiche Fusionen verschiedener Häuser und Klangkörper angekündigt, und zahlreiche andere Orchester wurden zusammengelegt und "planstellenreduziert". (...)

Auch die Verhältnisse zwischen Ost und West in Politik, Kultur und Gesellschaft sind in hohem Maße von Abhängigkeit geprägt - einer Abhängigkeit, die in einer gespaltenen Ökonomie ihre Basis findet. Selbst die ostdeutschen Regionen, in denen es aufwärts geht, rangieren weit hinter westdeutschen Ballungsräumen. Die bloße Angleichungsperspektive führt nicht mehr weiter, wenn das Wirtschaftswachstum Ostdeutschlands wie seit Jahren strukturell hinter dem des Westens zurückbleibt. Wir stehen vor der Wahl, entweder nochmals kräftig und rechtzeitig mit neuen Ideen in die Zukunft zu investieren, damit Ostdeutschland sich im Wettbewerb der europäischen Regionen behaupten kann - oder sehr lange Subventionen dafür zu zahlen, dass die schlimmsten sozialen oder politischen Verwerfungen eingedämmt werden. Beide Alternativen sind nicht kostenlos, aber nur die erste bietet die Chance, nach einem überschaubaren Zeitraum auf Subventionen tatsächlich zu verzichten.

Wir brauchen eine Zukunftsdebatte in Ost und West mit dem Ziel, die Stärken Ostdeutschlands zu entwickeln, weitere wirtschaftliche Kompetenz zu bilden und Märkte zu erobern, die noch nicht besetzt sind. Der kulturellen Dimension kommt hierbei erhebliche Bedeutung zu, denn in gewissen Sinne kann Ungleichheit ein kreatives Potenzial und ein eingenständiges kulturelles und wirtschaftliches Profil geradezu zur Voraussetzung für Ostdeutschalnd werden, auf eigenen Füßen zu stehen. Es wird kaum einen zweiten Anlauf für die ostdeutsche Wirtschaft geben ohne innovative Antworten auf dei Frage, wie wir die wichtigsten Ressourcen jeglicher Entwicklung, also berufliche Qualifikation, Wissen, Kultur und Intelligenz besser fördern können. Dies gilt auch und beispielhaft für die Situation der Orchester und Chöre in Ostdeutschland. (...)"
 

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